Eine Übung für die Seele – Betrachten einer Pflanze

Im Yoga gibt es viele Übungen, die die verschiedenen Wesensglieder des Menschen, zu denen die Seele gehört,  ansprechen. Unter dem Begriff „Wesenglieder“ kann man den physischen Körper als sichtbare Erscheinung, die Verbindung schaffende Seele mit ihren Kräften des Denkens, Fühlens und Wollens und den Geist, die schöpferische Gabe, das Ich-Selbst des Menschen verstehen. Diese Glieder wirken in einer harmonischen Einheit zusammen.

Was bedeutet nun eine Übung, in der die Seele angesprochen wird?
Die Fähigkeit der Seele erstreckt sich auf das beobachtende und empfindende Wahrnehmen, das Denken, das Fühlen und das Wollen. Diese Fähigkeiten oder Kräfte wirken oft ungegliedert zusammen in dem Sinn, dass sich diese vermischen in ein gefühlsmäßiges Wollen oder willentliches Fühlen und ein klares Wahrnehmen und Denken nicht stattfinden. Dies kann man häufig bei sich selbst beobachten, wenn man dem Drang zu einer Handlung wie dem Griff nach einem Stück Schokolade einfach nachgibt oder etwas anschaut und hinterher bemerkt, dass man eigentlich nichts bemerkt hat außer einem diffusen Sinneseindruck.

Eine Seelenübung wie die unten näher beschriebene Betrachtung einer Pflanze kennzeichnet sich nun dadurch, dass diese Kräfte der Seele vom Ich-Selbst des Menschen in eine Ordnung und Gliederung geführt werden:
Der Übende wählt ein geeignetes Objekt wie eine Pflanze, einen Baum oder ein Bild, das er über einen Zeitraum von einigen Minuten betrachtet. Anschließend legt er das Objekt auf die Seite oder schließt die Augen und erbaut oder rekonstruiert dasselbe in seiner Vorstellung. Dann betrachtet er das Objekt erneut und vergleicht dieses mit seiner Vorstellung und bemerkt mögliche Unterschiede.
Wie werden bei diesem Vorgang die Seelentätigkeiten geordnet?
Das beobachtende Wahrnehmen der Pflanze spricht das Denken an, das über einige Zeit aufrecht erhalten wird. Durch die wahrnehmende Hinwendung zum Objekt entsteht mit der Zeit eine Empfindung zu diesem, das dem mittleren Bereich des Fühlens zugeordnet werden kann. Auch der Wille wird geordnet oder besser gesagt gegliedert, denn der Übende lenkt den Willen darauf, die Beobachtung zu tätigen und weist aus seinem Leibinneren aufsteigende Emotionen wie Schwelgen, Assoziationen oder Projektionen zurück.

Wie wird die Seelenübung ausgeführt?

Für die Übung ist es günstig eine ruhige Stellung im Sitzen mit aufgerichteter Wirbelsäule einzunehmen. Auch eine ruhige Haltung im Stehen – während eines Spaziergangs in freier Natur – eignet sich gut.
Als nächstes wählen Sie bewusst eine Pflanze, eine Blume, einen Baum oder Strauch, dem Sie sich hinwenden möchten.

Am Beispiel der ausgewählten roten Tulpe können Sie mit Ihren Sinnen (Sehen, Tasten, Riechen usw.), die durch konkrete Gedanken gelenkt werden, diese Gestalt der Blume wahrnehmen: den langen grünen Stengel, die nach oben aufstrebenden schmalen Blätter und den kräftig farbigen Blütenkelch, der sich durch die eng aneinander liegenden Blütenblätter bildet und einen tiefen, nur nach oben offenen Innenraum bildet.
Um der Pflanze und der Natur näher zu kommen im Sinne eines besseren Begreifens ihrer inneren Wesenhaftigkeit muss der Mensch ein Schwärmen und Schwelgen einerseits und das Nutzprinzip andererseits zurückhalten lernen. Hinwendung zeichnet sich durch das Bemühen um eine objektive und wirklichkeitsgetreue Betrachtung aus.

Wurde die äußere sichtbare Gestalt der Pflanze für 2 bis 3 Minuten beobachtet, wenden Sie den Blick ab oder schließen Sie die Augen und bilden die soeben betrachtete Pflanze in der eigenen Vorstellung nach. Wiederholen Sie dabei die gestellten Fragen: Wie war die Beschaffenheit des Stengels, die Form der Blätter, die Farbe und Anordnung der Blüte? Rekonstruieren Sie möglichst detailgetreu das Bild der betrachteten Pflanze in Ihrer Erinnerung und halten es für weitere 2 bis 5 Minuten in Ihrer Vorstellung aufrecht.
Dann schauen Sie die Blume erneut an: Wie erscheint sie jetzt? Wie war das Bild in der Vorstellung im Vergleich zum Objekt?  Was empfinden Sie im Vergleich von vor der Übung?
Schon mit einiger Übung entsteht ein Gefühl, dass einem die Pflanze „näher kommt“, sie heller erscheint oder vertrauter wirkt. Erste Empfindungseindrücke in der Seele entstehen, die von der Pflanze ausgehend auf den interessierten Menschen zurückwirken.

Es empfiehlt sich diese Übung öfters zu praktizieren.

Zusammenfassend die einzelnen Schritte der Übung:

1. Ruhige Betrachtung des sorgfältig gewählten Objekts mit konkreten Fragen z.B. zur äußeren Gestalt.
2. Das Objekt wird in der Erinnerung so rekonstruiert wie es vorher betrachtet wurde.
3. Erneutes Betrachten des Objekts und Vergleich mit dem selbst geschaffenen Vorstellungsbild.
Übungsdauer insgesamt 5 – 15 Minuten.

 

 

Eine Erweiterung in der Übung geschieht durch zusätzliche, neue Gedanken und Fragestellungen, die über die sinnlich wahrnehmbare Ebene hinausführen:

Zunächst sind wir bei der Betrachtung von der äußeren, sichtbaren und mit den Sinnen wahrnehmbaren Gestalt der Pflanze ausgegangen. Geht man im Sinne einer erweiterten Sichtweise, die seelische und geistige Dimensionen umfasst, davon aus, dass jeder äußeren Erscheinung oder Gestalt unsichtbare Kräfte oder Wesenhaftes zugrunde liegen, eröffnet sich ein neuer weiterer Horizont.

„Die Natur ist ein Ganzes, von überall her wirken die Kräfte.“
Rudolf Steiner
„Was sind eigentlich Weisheitskräfte oder Lebenskräfte, die Gestaltungen im Pflanzenreich hervorbringen?“
Heinz Grill

Fragen wie die zuletzt genannte eröffnen einen Raum zum Forschen und Erkennen:
Beobachtet man die Pflanze näher so fällt auf, dass es ein Sprießen nach oben gibt: Aus dem Boden wächst die Pflanze entgegen der Schwerkraft, entfaltet ihre Blätter und Blüten, während nach unten hin die Verwurzelung im Erdreich geschieht. Welche kosmischen oder Licht- und Wärmekräfte wirken?
Im Rhythmus der Jahreszeiten sprießt, blüht und verwelkt es: Welche Kräfte sind das Werden und Vergehen, die wir in der Natur beobachten?
Welche Kräfte bilden die vielfältigen Formen, Gestalten und Farben, die uns die Natur in ihrer unberührten Schönheit darbietet?
Und wie ist der Mensch in die Natur und den Kosmos eingebunden? Welche Kräfte wirken im Menschen und in der Natur gleichermaßen und wodurch unterscheidet sich der Mensch von der Natur?

Neben der konkreten Betrachtung der Naturerscheinungen an Hand von Übungen wie der oben dargestellten, die sich schon förderlich auf die Entwicklung der Aufmerksamkeit und gedanklichen Lenkung der Sinne auswirken kann, kann der Mensch als geistbegabtes Wesen alle Erscheinungen der sichtbaren Welt tiefer erforschen und die unsichtbaren seelischen und geistigen Welten, die sich in jeder sichtbaren Erscheinung offenbaren, konkret erkennen lernen.

Dem interessierten Leser wünsche ich ein freudiges Erkunden und Erforschen!

 

 

Literatur:

Heinz Grill, Übungen für die Seele, Synergia Verlag.
Ernst-Michael Kranich, Pflanze und Kosmos, Verlag Freies Geistesleben.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.